Führung auf den Punkt gebracht.
DAS EMOTIONALE ERFAHRUNGSGEDÄCHTNIS KENNEN UND VERSTEHEN

Wie Führungskräfte mehr Entscheidungssicherheit gewinnen

Es gibt die Führungskräfte, denen scheinbar alles leichtfällt. Die aus größten Herausforderungen noch mehr Energie schöpfen und schnelle Lösungen finden. Und es gibt diejenigen, die Entscheidungen gerne auf die lange Bank schieben, weil sie Angst vor den Folgen haben. Um handlungsfähig zu bleiben, sollten Führungskräfte die Prozesse ihrer Entscheidungsfindung kennen. Das emotionale Erfahrungsgedächtnis spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Produktivität von Bettina Schaap, 23.05.2021
Artikel teilen:            

Das emotionale Erfahrungsgedächtnis trifft Entscheidungen.

Wie treffe ich eine wirklich kluge Entscheidung? Jeder Mensch kennt Situationen, in denen die Antwort auf diese Frage furchtbar schwierig zu sein scheint. Auch als Führungskraft kennen wir solche Situationen. Entscheidungen zu treffen, ist ein wichtiger Teil unserer Aufgabe.

Mal erscheinen die Entscheidungen dabei besonders groß. Manchmal tauchen sie als spontane Chancen auf. Häufig kommt die Entscheidung plötzlich und ist einfach da. Ein anderes Mal erstellen wir eine lange Liste mit Entscheidungskriterien und haben dennoch große Zweifel. Dann fragen wir Personen unseres Vertrauens oder wildfremde Menschen.

Entscheidungen sind emotionsgesteuert

Wer das Geheimnis kluger Entscheidungen ergründen will, muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass gute Entscheidungen ausschließlich auf Vorgängen wie „Vernunft“, „Verstand“ oder „Denken“ basieren. Kluge Entscheidungen beziehen immer auch Emotionen und Körperempfinden mit ein. 

Das hört sich ganz schön aufwändig an. Und ja, eine gute und kluge Entscheidung zu treffen, kann aufwändig sein, muss es aber nicht. Das ist abhängig von vielen Dingen. Dazu gehören die Persönlichkeit des Entscheiders, die Rolle, in der man sich sieht und die Menschen um uns herum. Auch die persönliche Betroffenheit und Befindlichkeit sind Einflussfaktoren.

Aufschieberitis ist eine Volkskrankheit

Kennen Sie das? Vor einer schwierigen Entscheidung kommt die Aufschieberitis: „Ich schlafe nochmal darüber …“. Eine Nacht, zwei Nächte, zwei Wochen bis in Vergessenheit gerät, dass und warum überhaupt, etwas geändert werden sollte.

Und jetzt passiert etwas Verblüffendes: Ihr Gehirn veranlasst eine positive Rückkopplung zwischen dem Nicht-Entscheiden und Erfolg. Das bedeutet: Ihr Gehirn verbucht einen Erfolg, obwohl gar nichts passiert ist. Die Aufschieberitis brennt sich somit in Ihr Gedächtnis ein. Und das, obwohl Sie sich durch Ihr Nicht-Entscheiden und das Sich-treiben-lassen die Fäden für ein selbstbestimmtes Leben haben aus der Hand nehmen lassen. Denn Ihr Leben gestalten Sie schlicht und ergreifend durch aktive Entscheidungen.

„Wenn ich die notwendigen Entscheidungen nicht treffe, entwickelt das Team und am Ende auch ich eine Haltung, die uns nicht voranbringt. Besser also, wir üben uns darin, Entscheidungen zu treffen und können dann mit Leichtigkeit und Spaß die nächsten Schritte gemeinsam starten.“

Bettina Schaap Inhaberin und Trainerin der Leaders Academy Bamberg – Würzburg

Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:

Vor mehreren Jahren hatte ich mich als Selbstständige an ein amerikanisches Netzwerk gebunden. Leider brachte die Zusammenarbeit nicht den gewünschten Erfolg, weswegen ich mich eingehend mit einer Kündigung beschäftigte. Ich recherchierte viele Aspekte, sprach mit Juristen, tauschte Erfahrungen mit Kollegen aus. Von allen Seiten kamen mir Bedenken entgegen. Ab einem gewissen Zeitpunkt war allerdings meine neue Perspektive treibende Kraft. Ich konnte in einer entscheidenden Verhandlung die Trennung erwirken. Mögliche Wettbewerbsverbote oder Abstandszahlungen waren vom Tisch. Meine Kollegen haben diese Entscheidung nicht getroffen und dümpeln weiter vor sich hin. Ich konnte dagegen ein neues Geschäft aufbauen. Am eigenen Leib hatte ich erlebt, wie ich kluge Entscheidungen treffe und diese Fähigkeit jederzeit für mich nutzen kann.

Treffen wir oder andere die Entscheidung?

Die Schwierigkeit ist: Gleichzeitig sind wir auch soziale Wesen, denen die Spielregeln in der Gemeinschaft sehr wichtig sind. Es geht uns vor allem um Anerkennung. Wir benötigen Feedback für unser Handeln – beruflich wie privat. Selbst wenn wir dieses Feedback von anderen nicht bekommen, bilden wir uns unablässig eine Meinung dazu.

Der Großteil unseres täglichen Gedankenstroms dreht sich somit um uns selbst und die Reaktion anderer Menschen auf uns. Damit hat unser Umfeld gravierenden Einfluss auf unsere Entscheidungen.

Das passiert in vielen Fällen noch nicht einmal gewollt. Denn sehr viel von dem, was wir Tag und Nacht wahrnehmen und tun, wird vom Gehirn über unbewusste Vorgänge geregelt. Der Gehirnforscher Gerhard Roth bringt es auf den Punkt:

„Bewusstsein ist für das Gehirn ein Zustand, der tunlichst zu vermeiden und nur im Notfall einzusetzen ist.“

Gerhard Roth Gehirnforscher

Das Unterbewusstsein als Impulsgeber

Um zu verstehen, wie unsere Entscheidungsfindung funktioniert, müssen wir die Abläufe in unserem Inneren kennen. Denn das Gehirn ist Impulsgeber für unser bewusstes und auch unbewusstes Handeln. Im Inneren sitzt der Mandelkern, oder Amygdala, die Alarmzentrale unseres Gedächtnisses. Hier wird bei einer subjektiven Gefahrensituation spontan entschieden, ob wir kämpfen, fliehen oder uns tot stellen. Da werden wir also eher gedacht, als dass wir selbst entscheiden.

Die Amygdala ist Teil unseres Unterbewusstseins mit seinen zahlreichen Arealen. Diese Teilgebiete sind für die guten und klugen Entscheidungen so wesentlich. Diesen Zusammenschluss hat der Gehirnforscher Gerhard Roth einprägsam „das emotionale Erfahrungsgedächtnis“ genannt.

Das emotionale Erfahrungsgedächtnis trifft Entscheidungen

In unserem emotionalen Erfahrungsgedächtnis wird alles gespeichert, was uns Zeit unseres Lebens passiert, unser gesamtes gelerntes Wissen. Dazu gehören Verhaltensweisen, die wir als angenehm empfunden haben und Verhaltensweisen, für die wir bestraft wurden. Diese werden wir naturgemäß in Zukunft versuchen, zu vermeiden. All diese Erfahrungen hinterlassen Spuren, die unser Leben prägen.

Damit wird deutlich, dass all unsere Fähigkeiten wenig wirkungsvoll sind, wenn wir sie nicht emotional erfahren. Erst wenn Begriffe wie Freiheit, Anerkennung oder Erfolg eine konkrete Wahrnehmung auslösen, sind sie erlebbar im emotionalen Erfahrungsgedächtnis.

Ein Beispiel:

Im letzten Jahr traf ich nach 38 Jahren meine erste große Liebe wieder. Bereits im ersten Telefonat zeigte sich, wie sehr uns die Zeit berührt hatte und wie sehr wir davon wieder berührt waren. Wir haben uns getroffen und konnten die Macht des emotionalen Erfahrungsgedächtnis erleben. Während dieses meine Entscheidungsbereitschaft beflügelte, löste es bei ihm große Verwirrung und Unsicherheit aus. Offensichtlich waren in den letzten Jahrzehnten sehr unterschiedliche emotionale Erfahrungen hinzugekommen.

Die Selbstwahrnehmung ist das Fundament kluger Entscheidungen

Haben wir diesen Prozess unserer Entscheidungsfindung erst einmal verstanden, können wir zukünftige Entscheidungen bewusster treffen. Vielleicht auch anders treffen, weil wir wissen, welche Lebenserfahrungen uns bei der Lösungsfindung prägen.

Es geht eben nicht darum, Situationen und Handlungen sofort zu bewerten. Viel wichtiger ist es, einen Zugang zur eigenen Wahrnehmung zu haben. Diese Wahrnehmung kann auf körperlicher Ebene sein – beispielsweise in Form von Verspannung, Kälte oder Wärme. Oder aber auch auf geistiger Ebene – durch Bilder und Assoziationen. Dazu zählen beispielsweise Wut, Freude oder Scham. 

Will heißen: Erkennen wir die Signale unseres emotionalen Erfahrungsgedächtnisses und wissen, wie unser Verstand diese verarbeitet, führt das zu einer Selbstsicherheit, die uns befähigt kluge Entscheidungen zu treffen.

Artikel teilen:            
Bettina Schaap
Als Inhaberin und Trainerin der Leaders Academy Bamberg – Würzburg ist sie Expertin rund um das Thema Leadership.