Führung auf den Punkt gebracht.
Sonja Güthoff im Interview

Yes, you can – Alles ist möglich! Frauen können genauso erfolgreich sein wie Männer!

Gibt es typische Probleme weiblicher Führungskräfte, die ausschlaggebend dafür sind, dass die Quote von Frauen in Führungspositionen seit 10 Jahren stagniert? Wir haben Dr. med. Sonja Güthoff, Akademieleiterin der Leaders Academy Augsburg – Garmisch-Partenkirchen, zum Interview eingeladen, um uns eine Antwort auf diese Frage zu geben.

Mitarbeiterführung von Dr. Sonja Güthoff, 21.05.2021
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Dr. med. Sonja Güthoff, Leiterin der Leaders Academy Augsburg – Garmisch-Partenkirchen sagt: Genauer hinschauen lohnt sich.

Als Ärztin, Stress- und Burnout-Choach ist Dr. med. Sonja Güthoff nicht nur krisenerprobt, sondern weiß als Unternehmerin und Führungskräfte-Trainerin, individuell Teilnehmer*innen darin zu unterstützen, durch gesunde (Selbst)Führung ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Zum Thema „Frauen in Führungspositionen“ hat sie klar die Meinung, dass Frauen genauso erfolgreich sein können wie Männer – die Grenzen liegen immer nur in unseren Köpfen.

Wo liegen aus deiner Sicht die Ursachen, dass die Quote von Frauen in Führungspositionen bei 29,5% liegt?

Es lohnt sich, hier mal genauer hinzuschauen. Diese Statistik vereint alle Branchen und Unternehmensgrößen sowie Altersgruppen. Die Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB 2019) zeigen nochmals deutlicher, dass sich der geringe Anteil mit 26% an weiblichen Führungskräften in der Privatwirtschaft vor allem in der obersten Leitungsebene zeigt, während in der zweiten Führungsebene bereits 40 % der Führungskräfte weiblich sind. Entscheidend ist aber auch die Branche, denn der höchste Anteil von weiblichen Führungskräften auf der ersten Führungsebene mit 49% zeigt sich im Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht, gefolgt mit 39% vom Gastgewerbe und sonstige Dienstleistungen sowie mit 38% vom Einzelhandel. In diesen Branchen findet sich allerdings auch ein deutlich höherer Anteil an weiblichen Beschäftigten, was einen Einfluss auf die Karrierechancen haben wird.

Interessant finde ich auch, dass gerade in größeren Betrieben ab 500 Beschäftigten die erste Führungsebene mit nur 14% weiblich besetzt ist. Woran liegt nun also der insgesamt geringere Anteil an weiblichen Führungskräften? Hier kommen meines Erachtens viele Faktoren zusammen. Neben dem teilweise unterschiedlichen Selbst- und Fremdbild, der ausbleibenden individuellen Förderung und dem öfter geringeren Wettbewerbsanspruch von Frauen bleibt natürlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiger Faktor. Natürlich gibt es viele moderne Erziehungsansätze, die zukünftig hoffentlich für einen Ausgleich zwischen den Geschlechtern sorgen werden. Bisher ist es allerdings doch noch häufiger so, dass eher Frauen eine Teilzeitbeschäftigung in Erwägung ziehen, um die mangelnden Betreuungsplätze aufzufangen.

Eine große Hoffnung setze ich jedoch in die jüngeren Generationen, denn für die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen gibt das statistische Bundesamt für 2019 bei den Führungskräften immerhin einen Anteil von 38% Frauen an verglichen mit den 29% altersübergreifend.

Was sind die typischen Probleme weiblicher Führungskräfte?

Aus meiner eigenen Erfahrung und den Gesprächen mit Kollegen*innen sind die größten Herausforderungen für weibliche Führungskräfte die eigenen Ansprüche. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass Frauen mit 48% als häufigsten Grund für Stress hohe Ansprüche an sich selbst angeben (bei Männern 37%), während bei Männern der häufigste Grund mit 54% die Arbeit selbst sei (bei Frauen 39%, TK Stress-Studie 2016). Dazu kommen gern auch mal eine überspitzte Selbstkritik, eine schlechtere Selbstdarstellung und eine deutliche Zurückhaltung der eigenen Meinung sowie Wünsche verglichen mit männlichen Kollegen. Aber all das ist immer abhängig von der individuellen Veranlagung, wie wir aufgewachsen sind und wie unsere Vorbilder agierten. Das Schöne ist, dass wir alle jeden Tag hinzulernen und unsere Kompetenzen stärken können.

Was würdest du Frauen empfehlen? Welche Skills sind aus deiner Sicht notwendig, um eine Führungsposition zu erreichen?

In erster Linie ist es ein gutes Selbstbewusstsein. Wenn ich mir selbst die Führungsaufgabe nicht zutraue, warum sollte es dann mein*e Chef*in tun? Besonders wichtig ist auch Kommunikationsstärke. Darin sind Frauen bekanntlich sehr gut. Erstaunlich ist hingegen, dass es der einen oder der anderen immer noch schwer fällt, auch die eigenen Fähigkeiten zu kommunizieren – frei nach dem Motto „Tu Gutes und sprich darüber!“.

Außerdem sind in der modernen Führung auch Skills wie Empathie, Flexibilität und Kreativität sehr wichtig, neben der Kommunikationsfähigkeit alles Eigenschaften, die Frauen häufig bereits mitbringen (Funken 2018 und 2016). Wichtig ist aber auch, sich privat die Freiheiten zu schaffen, eben auch die eigenen Fähigkeiten wie Flexibilität ausüben zu können. Hier sind wir wieder bei den modernen Erziehungsmodellen, damit auch Mütter die gleichen Möglichkeiten haben wie Väter. Heute sollte keine Mutter mehr auf ihre Karriere verzichten müssen – zumal Mütter sich hinsichtlich ihres Organisationstalentes und der Durchsetzungskraft wunderbar als Führungskraft eignen.

Meine Tipps auf einen Blick
  • ein gutes Selbstbewusstsein ist das A&O

  • Kommunikationsstärke – „Tu gutes und sprich darüber“

  • Empathie, Flexibilität und Kreativität

  • privat Freiheiten schaffen

Führen Frauen grundsätzlich anders als Männer und wo liegen die signifikanten Unterschiede?

Nicht nur aus meiner eigenen Erfahrung, sondern auch wissenschaftlich betrachtet führen Frauen nicht wesentlich anders als Männer (Emmerik 2009). Auch das Erleben des Führungserfolges wird von Kollegen*innen und Mitarbeitern*innen für Männer und Frauen etwa gleich wahrgenommen, lediglich die Vorgesetzten empfinden weibliche Führungskräfte etwas positiver (Paustian-Underdahl 2009).

Eine Theorie hinsichtlich vergleichbarer Führungsqualitäten ist, dass es auf dem Weg nach oben zu einer natürlichen Selektion kommt und somit die weibliche Top-Führungskraft wohlmöglich der männlichen Top-Führungskraft recht ähnlich ist. Aber auch innerhalb der Branche und des Unternehmens durchläuft man eine Sozialisierung, die sich an den Gegebenheiten, Schulungen und Vorbildern orientiert (Kanning 2018).

Nun könnte man meinen, dass es dann ja auch nicht so wichtig sei, ob die Geschlechter unter Führungskräften gleich verteilt sind. Jedoch geben Unternehmen an, dass ein Mixed Leadership Ansatz Unternehmen langfristig erfolgreicher machen (DGFP 2015). Am Ende bleibt immer noch der individuelle Unterschied der Führungskräfte. Hier ist für jeden viel Potenzial, die beste Führungskraft zu werden, die man oder frau sein kann.

Als Vorbildfunktion für viele Frauen – was ist deine zentrale Botschaft, die du aus deiner Erfahrung weitergeben würdest?

Auf den Punkt gebracht: Yes, you can! Alles ist möglich! Frauen können genauso erfolgreich sein wie Männer, denn die Grenzen liegen immer nur in unserem Kopf.

Euch jungen Frauen empfehle ich, vertraut auf Eure Fähigkeiten, seid ein Leben lang bereit, von Vorbildern zu lernen, seid ehrlich zu Euch selbst, aber auch mutig, Dinge auszuprobieren. Um sich zu entwickeln, muss man immer die Komfortzone verlassen, auch, wenn der Weg erstmal durch die Angstzone führt!

Dr. med. Sonja Güthoff Leaders Academy Augsburg – Garmisch-Partenkirchen

Bewerbt Euch unbedingt auch auf Stellen, bei denen Ihr zweifelt, ob Eure Qualifikationen ausreichen. Männer tun dies auf jeden Fall, auch wenn sie nicht den geforderten Qualifikationen entsprechen. Ach ja, und übt Gehaltsverhandlungen! Statistisch gesehen haben vor allem junge Frauen häufiger einen höherwertigen Bildungsstand im Vergleich zu Männern (Statistisches Bundesamt 2019). Allerdings verhandeln wir Frauen – und da spreche ich aus eigener Erfahrung – immer noch weniger selbstbewusst unsere eigenen Gehälter.

Last but not least: Ich glaube daran, dass im Arbeitsmarkt der Zukunft zunehmend die Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Flexibilität und Kreativität gebraucht werden, in denen Frauen – wie bereits oben erwähnt – stark sind. Hinzu kommt, dass durch die Digitalisierung auch neue Arbeitsmodelle möglich werden, die auch Führungspositionen für Frauen attraktiver machen können. Es bleibt nur noch, dass wir Frauen diese Möglichkeiten auch nutzen!

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Dr. Sonja Güthoff
Als Leiterin und Trainerin der Leaders Academy Augsburg – Garmisch-Partenkirchen ist sie Expertin rund um das Thema Leadership.